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FCI - und Amerikanischer Standard

        ein Champion nach FCI      ein Amerikanischer Champion
Sweet Billy-Boy O`the HighlandsAynsworth Silver Moonlight (Travis`Vater)

Der FCI Standard

Amerikanischer Standard

Fotos

Die Sache mit dem Standard

Den Amerikanischen Shelties werden hier in der Schweiz immer wieder Steine in den Weg gelegt, weil behauptet wird, dass sie nicht „dem“ Standard entsprächen. 

Die Ausgangslage ist  klar: Auch Amerikanische Shelties müssen zwingend nach dem hier geltenden FCI Standard gerichtet werden und dessen Kriterien erfüllen.
Die Frage ist nun aber die, ob sich die beiden Standards derart unterscheiden, dass dies wirklich unmöglich ist. Muss ein Amerikanischer Sheltie bei einem Englischen Richter wegen dem Standard „durchfallen“ und umgekehrt ein Englischer Sheltie bei einem Amerikanischen?

Bei Collies ( v.a. Rüden) ist dies tatsächlich oft der Fall, da der Amerikanische und der Englische Standard je eine andere Grösse vorschreibt. In den allermeisten Fällen ist  ein Amerikanischer Collierüde einfach zu gross und kann deshalb dem hier geltenden Standard nicht entsprechen. Dies ist ein objektives Kriterium. 

Wie steht es aber diesbezüglich um die Shelties? Ein differenzierter  Vergleich der beiden Standards soll  Klarheit schaffen. Da  die akademisch wissenschaftliche Beschäftigung mit fremdsprachigen Texten und deren Interpretationen - wenn auch auf ganz anderem Gebiet – zu meinem beruflichen Alltag gehört, war der Vergleich der beiden Standards eine spannende Herausforderung für mich. 

Übersetzung
Die Übersetzung eines Textes von der ursprünglichen Sprache in eine andere ist  ja bereits INTERPRETATION! Deshalb musste zuerst  das Augenmerk sehr sorgfältig darauf gerichtet werden. 

Für den FCI Standard liegt  die anerkannte Übersetzung von Dres. Franz und Karin Riemann vor,  die auch im Zuchtreglement des SSSC abgedruckt ist. 

Für die Übersetzung des Amerikanischen Standards fand ich in meinem nahen Bekanntenkreis eine dafür sehr kompetente Person, deren Muttersprache Englisch ist. Als langjährige Zuchtwartin eines Rasseclubs der SKG kennt sie sich überdies in der kynologischen Terminologie bestens aus und ist durch ihren Beruf mit dem Umgang mit Texten aller Art sehr versiert. Miteinander haben wir dann auch die beiden Standards sehr sorgfältig verglichen. Herzlichen Dank Patricia für Deine grosse Arbeit! 

Der Vergleich der beiden Standards war nicht ganz einfach, da sie unterschiedlich gegliedert sind. Insgesamt dünkte uns der Amerikanische Standard systematischer und so übersichtlicher. 

Historisches

Für die Geschichte des Englischen Standards war 1948 ein bedeutsames Jahr. Damals einigten sich die verschiedenen Rasseclubs erstmalig auf einen einheitlichen Standard. In Amerika wurde der dort geltende  Standard 1952 festgelegt.

Der heute geltende FCI Standard  (Nr.88 1/1) stammt aus dem Jahre 1989. Der Amerikanische Standard wurde 1990 überarbeitet und angepasst. 

Auffällig ist, dass die Amerikaner in ihren Bemühungen um den Standard jeweils in kurzem zeitlichen Abstand den Engländern  gefolgt sind. Es interessiert mich sehr, wie der Gedankenaustausch zwischen Amerika und Grossbritannien diesbezüglich ausgesehen hat, und ich werde dieser Frage bei Gelegenheit noch eingehend nachgehen, Jedenfalls dünkt mich die zeitliche Kongruenz mehr als zufällig. Besonders auch deshalb, weil die Amerikaner für ihre Zucht ja immer wieder auch Shelties aus Grossbritannien importiert hatten. 

Unterschiede

Der auffälligste Unterschied  ist, dass der Amerikanische  Standard im Gegensatz zum FCI Standard keinen Grössenunterschied zwischen Rüden und Hündinnen macht.

FCI: Rüden, 37 cm, Hündinnen 35,5cm mit je einer Abweichung von maximal 2,5 cm nach oben und unten.

Amerika: Rüden und Hündinnen 13 -16 inches (1 inch = 2,54 cm).

(Interessanterweise sind z.Zt. ausgerechnet  im Schweizerischen Sheltieclub Bemühungen im Gange, den Standard in diesem Punkt dem Amerikanischen anzugleichen, was dem FCI-Standard zuwiderläuft.)

Der Grössenunterschied zwischen Englischen und Amerikanischen Shelties ist gering. 16 inches als obere Grenze entsprechen 40,64 cm. Grössere Shelties werden an Amerikanischen Ausstellungen jedoch konsequent disqualifiziert, während sie in Europa  trotzdem erfolgreich sein können. 

Ein weiterer Unterschied betrifft die Ohren: Beim Amerikanischen Sheltie sind die Ohren idealer Weise im oberen Drittel gekippt, beim Englischen zur Hälfte.

Auch die Augenstellung ist etwas unteschiedlich: beim Englischen Sheltie sind die Augen etwas schräger eingesetzt als beim Amerikanischen. Dies bewirkt insgesamt einen etwas anderen Ausdruck.

Augenstellung eines Englischen
Shelties (Ginger)
 ....eines Amerikanischen (Keno)

Punkto Farbe (besonders bluemerle) ist der FCI Standard sorgfältiger. Grosse schwarze Flecken werden dort ausdrücklich als Fehler benannt. Ein solcher Hinweis fehlt  im Amerikanischen Standard.

Für den Amerikanischen Standard scheint das Gangwerk eine besonders grosse Bedeutung zu haben. Jedenfalls ist er in dieser Hinsicht sehr viel ausführlicher als der FCI –Standard. 

Ausser dem im FCi Standard festgelegten Grössenunterschied zwischen Rüden und Hündinnen, waren für uns keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen FCI und Amerikanischem Standard feststellbar.  

Gesamteindruck

Der Amerikanische Standard ist – mit Ausnahme der Beschreibung der Farben – ausführlicher als der FCI – Standard. Auch werden Fehler  klarer benannt und beschrieben. Insgesamt scheint sich der Amerikanische Standard um mehr Objektivität zu bemühen. Z.B. wird genau beschrieben, wie und wo die Grösse gemessen werden muss. Oder, wo es im Englischen Standard heisst „gut gewinkelt“ wird die geforderte Winkelung im Amerikanischen Standard in Graden vorgeschrieben 

Subjektive Unterschiede

Obwohl von den Standards her kaum gravierende Unterschiede bestehen, sieht man den meisten Shelties an, ob sie Amerikanischer oder Englischer Herkunft sind, Diese beiden Typen haben sich im Laufe der Zeit je festigen können, nicht weil die Standards so unterschiedlich sind, sondern die Interpretation derselben.

Ich möchte dies am Beispiel des Unterkiefers verdeutlichen. Meistens haben Amerikanische Shelties ja einen kräftigeren Unterkiefer, was ihnen auch einen etwas anderen Ausdruck verleiht. 

Der FCI Standard schreibt vor: „The under jaw must be…  well developed“ (Der Unterkiefer muss  gut entwickelt sein). Im Amerikanischen Standard heisst es: „The well developed under jaw … ( der gut entwickelte Unterkiefer…) Im gleichen Wortlaut wird also dasselbe gefordert, was dann so unterschiedlich interpretiert wird.  Für einen Englischen Richter, der sein Augenmerk mehr auf Eleganz richtet, ist ein gut entwickelter Unterkiefer offensichtlich etwas ganz anderes als für seinen Amerikanischen Kollegen. Dies ist ein gutes Beispiel für die subjektive Aperzeption,  die ja bei jeder Art von Kommunikation stets mitbedacht werden muss. Deshalb kann nie nach DEM Standard gerichtet werden, sondern immer nur nach der subjektiven Interpretation desselben! 

Leider haben viele Shelties und Collies „schwache“ Unterkiefer. Die zierlichen „Gesichtlein“, die sich daraus ergeben, mögen zwar dem jetzigen Modetrend entsprechen, trotzdem ziehe ich die Amerikanische Interpretation eines kräftigen Unterkiefers vor. Mein neun jähriger Collierüde sah in jungen Jahren mit seinem „schwachen“ Unterkiefer zwar sehr niedlich aus, mittlerweile – im Alter -  wachsen nun seine unteren Schneidezähne beinahe horizontal nach vorne, und der Unterkiefer scheint sich noch mehr zurückzubilden Jedenfalls sind nun auch bei geschlossenem Fang die oberen Schneidezähne ständig sichtbar, was in jungen Jahren noch nicht der Fall war. Die Folgen: Vermehrte Zahnsteinbildung, „Fressbehinderung“ etc.….

Das Bild zeigt einen
unteren Schneidezahn
eines ausgewachsenen
Shelties. Die Wurzel
dieses kleinen Zähnchens
ist doppelt so lang wie
der sichtbare Teil. Wo,
wenn nicht in einem
kräftigen Unterkiefer
kann sie ein ganzes
Hundeleben lang Halt finden?

Die Forderung nach einem „well developed under jaw „ sowohl im FCI – als auch im Amerikanischen Standard – trägt also nicht in erster Linie ästhetischen sondern gesundheitlichen Kriterien Rechnung. Nicht zu vergessen bleibt, dass der Hund seinen Fang nicht nur zum Fressen braucht sondern auch zum Tragen etc.

Kräftiger Knochenbau: Auch dies wird in beiden Standards gleichermassen gefordert, in Europa und Amerika aber unterschiedlich interpretiert. Deshalb wirkt ein Englischer Sheltie im Allgemeinen eleganter, ein Amerikanischer kräftiger. 

Schlussfolgerungen
Dass sich im Laufe der Historie des Shelties die beiden Typen – Englischer und Amerikanischer Sheltie – festigen konnten, beruht nicht auf der Verschiedenheit der beiden Standards sondern vielmehr auf der unterschiedlichen Interpretation derselben, die natürlich auch ihre je eigene Tradition hat, aber trotzdem zwangsläufig subjektiv ist. 

Wenn ich 20 Schüler bitte, einen Keil zu zeichnen (Der Kopf des Shelties soll wie ein stumpfer Keil sein), werde ich 20 richtige aber sehr unterschiedliche Resultate bekommen. Jeder verbindet zwangsläufig mit einem Wort seine eigene Vorstellung davon und gestaltet es dementsprechend. Er kann gar nicht anders. Das ist subjektive Aperzeption! 

Die wesentliche Frage ist nun, ob es gelingt, von der eigenen – immer richtigen, aber beschränkten – Wahrnehmung abzusehen und daneben anderes als Bereicherung gelten zu lassen, oder ob ich ängstlich das Eigene zur allein selig machenden Wahrheit ernennen will und deshalb alles Fremde bekämpfen muss. 

Im ersten Fall wird Staunen über die Vielfalt möglich, ein Miteinander  als Bereicherung empfunden, eigenes geistiges Wachstum gefördert, kurz: der Horizont wird erweitert. Im zweiten Fall entsteht Streit, Konkurrenzdenken und damit verbunden: Einsamkeit. Welcher Weg eingeschlagen wird, ist immer eine Frage des eigenen Selbstvertrauens, der Intelligenz, der sozialen Kompetenz  und der Fähigkeit zur Kooperation. 

Dies ist natürlich nicht nur in der Hundezucht so, aber dort auch. Dass auch dort vermehrt der erste Weg eingeschlagen wird, wünsche ich mir von ganzem Herzen: Zum Wohle der Rassen, deren Gesundheit und Wesenstärke, einer zufriedenen  Käuferschaft und der Erweiterung des eigenen Horizontes.