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Welpenentwicklung

Für zukünftige Welpenbesitzer ist es wohl spannend, die rasante Entwicklung ihres Lieblings nicht nur auf Fotos zu verfolgen, sondern auch zu verstehen, welche wichtige Entwicklungsschritte kleine Hundewelpen in ihren ersten Lebenswochen tun, und wie von züchterischer Seite her die einzelnen Phasen optimal gefördert werden können.

Aus "Mäuschen werden Hündlis: Altersunterschied von 7 Wochen!

Neonatale Phase: Tag 1-14

Neugeborene Hundewelpen sind  vorerst blind und taub. Mit angeborenen Pendelbewegungen finden sie jedoch sofort Mamas Zitzen und können saugen. Diese ersteZeit verbringen die Welpen  entweder mit saugen oder schlafen. Spätestens nach 10 Tagen haben sie ihr Geburtsgewicht verdoppelt.
In dieser frühen Phase können die Welpen ihre Körpertemperatur  noch nicht selbständig regulieren, sie sind also auf ausreichende Wärmezufuhr  angewiesen.

Auch können sie Kot und Urin noch nicht selbständig absetzen, sie bedürfen dazu der Stimulation durch die Mama. Diese hat jetzt eine sehr enge Beziehung zu ihren Kindern, verlässt das Wurflager nur für kurze Zeit und reagiert sofort auf jede Lautäusserung der Welpen.

Bereits jetzt reagieren Welpen jedoch auf Berührungen, auf Kälte und Wärme und können riechen.

Diesem Umstand kann züchterisch Rechnung getragen werden, indem das Wurflager bereits jetzt abwechslungsreich gestaltet ist. In unserer Wurfkiste befinden sich z.B. ein glattes Leintuch, ein rauhes Frottétuch und ein weiches Hasenfell. Auch gibt es durch ein Heizkissen wärmere und kältere Zonen, die die Welpen je nach Bedarf aktiv aufsuchen können. Durch verschiedene Duftsäcklein werden unsere Welpen auch täglich mit neuen Düften konfrontiert, z.B. Lindenblüten,

Rosenblättern, frischem Gras, getrocknetem Heu, Katzenhaaren etc. Die Art des Duftes spielt keine Rolle, wichtig ist vielmehr, dass die Gehirnaktivität via Geruchsinn stimuliert wird.

Z.B. durch die tägliche Gewichtskontrolle lernen die Welpen via Geruchsinn und Berührung auch den Menschen kennen.

Unsere Waagschale ist absichtlich unangenehm glatt und natürlich viel kälter als das Wurflager. Durch diesen täglichen "milden Stress" lernen unsere Welpen eine erste Konfliktsituation kennen und durchleben.

Übergangsphase: Tag 15 -21: Die Sinne erwachen

Nun öffnen die Kleinen ihre Äuglein. Etwas später löst sich das kleine Häutchen, das sich am Eingang zum äusseren Gehörgang befindet. Die Welpen können nun sehen und hören. Auch brechen jetzt die Milchzähnchen durch, und sie sind in der Lage, selbständig Kot und Urin abzusetzen. Ihre sensorischen und motorischen Fähigkeiten nehmen von vorne nach hinten zu. Man kann deshalb in dieser Zeit beobachten, dass die Welpen schon recht sicher sitzen können, aber noch sehr wackelig auf den Hinterbeinchen stehen. Auch bewusste Lautäusserungen sind jetzt zu beobachten. Die Welpen können bellen und knurren. Auch nehmen sie gezielt Kontakt zueinander auf  und protestieren lauthals, wenn ihnen etwas nicht gefällt.

Unsere Welpen bekommen jetzt die ersten Spielsachen in ihre Wurfkiste, für die sie sich langsam zu interessieren beginnen. Auch die "normalen" Haushaltsgeräusche wie Staubsauger, Fernseher, Radio Kaffeemaschine, Haustürklingel, Telfon etc. bekommen sie jetzt mit. Noch ist die Wurfkiste gross genug für die ersten Geh- und Spielversuche. Der Kontakt zu Menschen ist jetzt nicht nur via Berührung  und Geruch möglich, sondern auch über den Gesichtssinn und das Gehör. Dies eröffnet viele neue Möglichkeiten.

Gleichzeitig mit der Fähigkeit, selbständig Kot und Urin abzusetzen, findet eine Prägung auf den Untergrund statt. D.h. Wenn das Wurflager z.B. mit weichen Tüchern ausgestattet ist, werden diese der bevorzugte Versäuberungsplatz der Welpen sein. Deshalb wird unsere Wurfkiste jetzt stattdessen mit Betteinlagen aus der Humanmedizin ausgestattet. Diese werden nach ein paar Tagen nur noch in einem Teil der Wurfkiste ausgelegt sein und später nach ausserhalb verlegt. Dies ist ein erster Schritt in Richtung Erziehung zur Stubenreinheit.

Die sensible Phase: 3-5 Wochen: Die "Geborgenheitsgarnitur" wird angelegt

Nun nimmt die Bindung der Kleinen an ihr Wurflager ab. Neugierig beginnen sie ihre vergrösserte Umwelt zu erkunden und erweitern so ihren Erahrungshorizont.

Unsere Wurfkiste wurde nun vor die Balkontüre gerollt, wo die Welpen - vor Sonne und Regen geschützt und trotzdem bereits mit allen Geräuschen von "draussen" konfrontiert- sich nach Herzenslust vergnügen können. Auch erste Spielgeräte - auf ihre momentane Grösse und körperliche Entwicklng abgestimmt - gibt es hier. z.B. ein raschelndes kleines Katzentunnel, ein Karussel und ein weiches Hüttchen.

Sehr interessant zu beobachten war für mich wie Alena meine Bemühungen sofort unterstützte: Sobald ich das Türchen der Wurfkiste geöffnet hatte, lief sie ostentativ mehrmals rein und raus, um ihren Kindern den Weg zu zeigen. Danach legte sie sich demonstrativ ausserhalb der Wurfkiste hin, um sie dort zu säugen.

Auch beginnen die Kleinen jetzt zu fressen

In dieser sensiblen Phase sind Welpen v.a. neugierig und kennen Angst noch kaum. Das liegt daran, dass ihr Organismus nun v.a. vom parasympathischen Nervensystem (dem "Wohlfühl- Nervensystem, das bei uns z.B. nach dem Essen aktiviert ist) gesteuert wird. Es ist jetzt also die ideale Zeit, um Welpen mit möglichst verschiedenen Eindrücken zu konfrontieren - mit Menschen verschiedenen Alters und Geschlecht, mit möglichst vielen optischen und akustischen Reizen usw. Alles, was Welpen jetzt kennen lernen dürfen, speichern sie gleichsam als "Geborgenheitsgarnitur" in ihrem Gehirn ab und empfinden es in ihrem späteren Leben als "normal", d.h. ungefährlich. Wichtig ist jedoch, dass diese Konfrontationen gezielt erfolgen; die Welpen brauchen ebenso sehr  Ruhephasen, um das Erlebte verarbeiten zu können.

Shelties sind als Hütehunde ja besonders aufmerksame und wache Tiere, die zuweilen stark auf ungewohnte Geräusche reagieren. Deshalb ist mir die Konfrontation mit möglichst verschiedenen akustischen Reizen ein besonderes Anliegen. Unsere Welpen lernen jetzt nicht nur die "normalen" Alltagsgeräusche von drinnen und draussen kennen, sondern auch Musikinstrumente (Klavier, Cembalo, Flöte, Cello, Trommel, Rassel). Auch werden sie via CD mit Geräuschen von Feuerwerk, Gewitter, Schüssen, Bahnhof, startenden Flugzeugen, vorbeirasenden Zügen etc. konfrontiert.  

Die zweite sesnisble Phase (6.-14./16. Lebenswoche)

Nun werden die Welpen vorsichtiger. Das liegt daran, dass sie nun auch vom  sympathischen Nervensystem gesteuert werden. D.h. bei Stress/ Angst erhöht sich der Adrenalinspiegel, die Herzfrequenz steigt, die Welpen können Angst/ Furcht empfinden. Diese Entwicklung ist lebensnotwendig, denn in der Natur gibt es ohne den nötigen Respekt/ Angst vor realen Gefahrensituationen keine Überlebenschance.

Die Mimik/Gestik sowie auch die Motorik werden nun weiter verfeinert. Die Beisshemmung wird gelernt. Es geht auch in dieser Phase v.a. darum, dass die Hundekinder möglichst viele verschiedene positive Erfahrungen mit Menschen, Artgenossen, anderen Tieren und der unbelebten Umwelt machen können. Ausserdêm kann durch gestellte Problemsituationen die Lernbereitschaft geschult werden.

Unsere Welpen halten sich nun so oft wie möglich im Freien auf, wo sie alles,  was sie vorfinden, erkunden. Verschiedene Bodenstrukturen wie Gras, Steinplatten, Kies, Sand, Gummimatten, Holzschnitzel und zahlreiche Welpenspilelgeräte wie Schaukeln, "Chügelikiste", Hängebrücke, Wippe, Strukturkanal, Karussel, Wolfsburg, Hütten, Flaschenzug und Wackelbrett bieten unzählige Beschäftigungsmöglichkeiten. Im 64m2 grossen Welpengärtchen haben sie auch genug Platz, um miteinander herumzutoben. Daneben gibt es nun aber auch Ausflüge z.B. in den Wald, zu Freunden oder zu einem Schulbesuch. Ausserdem gibt es kurze Spaziergänge an der Leine, sie lernen den Clicker kennen, üben "Wägeli fahren" etc.

In dieser Zeit lassen wir unsere Welpen auch testen.

Den Welpenwesenstest haben wir (aus terminlichen Gründen) mit 8 Wochen durchgeführt (mit 7 wäre optimaler gewesen). Dieser beinhaltet  Problemstellungen in Bezug auf Erkundungsverhalten in einem fremden Raum, Begegnung mit einem fremden Menschen, Konfrontation mit optischen und akustischen Reizen, Unterordnungsbereitschaft und Fähigkeit zu Problemlösung.

Für mich als Züchterin war dieser Test sehr aufschlussreich, kamen  doch deutliche Unterschiede im Ausdrucksverhalten der Welpen zum Vorschein, die im Rudel nicht so auffallen und wahrscheinlich auch nicht so stark gezeigt werden. Selbstverständlich können mit diesem kleinen Test keine verbindliche Aussagen über das Wesen des erwachsenen Hundes gemacht werden, aber ich habe so dennoch die Möglichkeit, die zukünftigen Besitzer gezielter beraten zu können. Ausserdem dient mir der Test als Möglichkeit zur Selbstkontrolle bezüglich unserer Welpenaufzucht (Sozialisation/ Habituation). Herzlichen Dank an meine Certodog HIK-Kollegin Claudia Wagner, die diesen Test kompetent durchgeführt hat.  

Auch im Alter von 8 Wochen wurde mit unseren Welpen der Puppy puzzle Test nach Pat Hasting gemacht. Ich bin meinen Certodog Züchterkolleginnen Eva Holderegger Walser (www.catteldog.ch)  und Doris Walder (www.ddwalder.ch), die sich beide lange und gründlich auf diesem Fachgebiet ausgebildet hatten, sehr dankbar, dass sie sich so viel Zeit für unsere Welpen genommen hatten. Dieser Test geht davon aus, dass die Proportionen eines 8 Wochen alten (+/- drei Tage) Welpen am ähnlichsten denen sind, die er als erwachsener Hund haben wird. Untersucht werden also die Proportionen und Strukturen. Z.B. sind die Sprunggelenke stabil genug, stehen die Vorderbeine nicht zu weit vorne, Winkelung der Hinterhand, Länge des Rippenbogens etc.

In diese Zeit der Sozialisationsphase fällt auch der Umzug ins neue Zuhause. Nun sind also die neuen Besitzer gefordert. Bitte denken Sie daran, dass auch der bestmöglich sozialisierte Welpe all seine Erfahrungen wieder "vergisst", wenn er nicht weiterhin gefördert wird. Fördern heisst jedoch nicht, dass Sie sich nun unter Druck setzen müssen, damit der Welpe bis 16 Wochen schon das "ganze Leben" kennen gelernt hat. Vermitteln Sie ihm  vielmehr Sicherheit, zeigen Sie ihm, dass Lernen Spass macht und machen Sie ihm deutlich, dass ihm nichts, was Sie von ihm verlangen, Schaden zufügen wird. So kann eine positive Beziehung aufgebaut werden, die der Anfang eines hoffentlich langen und glücklichen gemeinsamen Weges sein wird.